Das Emmi Pikler Konzept beschäftigt sich mit einer Frage, die im Alltag mit kleinen Kindern immer wieder auftaucht: Wie viel Unterstützung braucht ein Kind – und wann ist es besser, ihm Zeit für eigene Erfahrungen zu lassen? Die Pikler Pädagogik gibt darauf keine einfache Anleitung mit festen Entwicklungsschritten. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine Haltung, die dem Kind Eigeninitiative zutraut und gleichzeitig die Bedeutung einer verlässlichen Beziehung betont.
Bekannt geworden sind heute vor allem Klettergeräte wie das Pikler-Dreieck. Doch das pädagogische Konzept reicht wesentlich weiter. Es betrifft die Bewegungsentwicklung ebenso wie das freie Spiel, die Pflege und die Art, wie Erwachsene mit Kindern kommunizieren.
Inhalt
Die Grundidee: Entwicklung lässt sich nicht beschleunigen
Kinder entwickeln sich in einem erstaunlichen Tempo. Gerade während der ersten Lebensjahre folgen ständig neue Fähigkeiten aufeinander. Ein Baby beginnt sich zu drehen, findet Möglichkeiten zur Fortbewegung, richtet sich auf und entdeckt irgendwann das freie Gehen. Gleichzeitig verändert sich sein Spiel: Aus einfachem Greifen entstehen immer komplexere Handlungen.
Als Erwachsene möchten wir diese Entwicklung häufig unterstützen. Das ist nachvollziehbar. Daraus entsteht allerdings schnell der Gedanke, ein Kind müsse bestimmte Fähigkeiten üben oder von uns gezeigt bekommen.
Die Pikler-Pädagogik betrachtet diesen Punkt anders. Sie geht davon aus, dass ein Kind einen starken eigenen Entwicklungsantrieb besitzt. Unsere Aufgabe besteht deshalb nicht darin, jeden nächsten Schritt einzuleiten. Vielmehr schaffen wir Bedingungen, unter denen das Kind selbst tätig werden kann.
Das kann bedeuten, einem Baby ausreichend freie Bodenfläche zur Verfügung zu stellen, statt es häufig in verschiedenen Sitzhilfen zu positionieren. Bei einem Kleinkind kann es heißen, nicht sofort einzugreifen, wenn eine Bewegung beim ersten Versuch noch nicht gelingt.
Dabei geht es keineswegs darum, Kinder sich selbst zu überlassen. Ein sicherer Rahmen, verlässliche Bezugspersonen und eine an den Entwicklungsstand angepasste Umgebung bilden überhaupt erst die Grundlage für selbstständiges Entdecken.
Wer war Emmi Pikler?
Emmi Pikler wurde 1902 in Wien geboren und arbeitete später als Kinderärztin in Ungarn. Ihr besonderes Interesse galt der Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern. Sie beobachtete sehr genau, wie Kinder Bewegungen erlernen und welche Rolle Erwachsene dabei spielen.
Eine prägende Grundlage ihrer Arbeit war die Erkenntnis, dass Kinder zahlreiche motorische Entwicklungsschritte aus eigener Initiative erreichen können. Statt ihnen bestimmte Bewegungspositionen vorzugeben, sollte die Umgebung so gestaltet sein, dass sie ihren Körper selbst entdecken und Bewegungen schrittweise entwickeln können.
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Pikler die Leitung eines Säuglingsheims in Budapest. Die Einrichtung in der Lóczy-Straße wurde später weit über Ungarn hinaus bekannt. Dort lebten Kinder, die nicht in ihren eigenen Familien aufwachsen konnten.
Unter diesen Voraussetzungen beschäftigten sich Pikler und ihre Mitarbeiterinnen besonders intensiv damit, wie Kindern trotz institutioneller Betreuung verlässliche Beziehungen, persönliche Zuwendung und Möglichkeiten zur selbstständigen Entwicklung gegeben werden konnten.
Daraus entstanden Grundsätze, die später auch außerhalb solcher Einrichtungen Beachtung fanden. Heute werden viele davon in Familien, Krippen und anderen pädagogischen Bereichen aufgegriffen.
Beziehung und Selbstständigkeit gehören zusammen
Auf den ersten Blick könnte man die Pikler Pädagogik so verstehen, als sollten Erwachsene sich möglichst wenig einmischen. Das trifft den Kern jedoch nicht. Pikler verbindet zwei Aspekte, die manchmal fälschlicherweise als Gegensätze betrachtet werden: intensive Zuwendung und selbstständige Aktivität.
Das Kind soll wissen und erfahren, dass ein Erwachsener zuverlässig für es da ist. Gleichzeitig braucht es Situationen, in denen nicht jeder Handgriff übernommen und nicht jedes Spiel gesteuert wird.
Gerade diese Kombination ist wichtig. Ein Kind, das sich sicher fühlt, kann sich leichter auf seine Umgebung einlassen. Es muss nicht ständig um Aufmerksamkeit kämpfen, sondern kann seine Energie darauf verwenden, etwas zu erforschen, eine Bewegung auszuprobieren oder sich längere Zeit mit einem Gegenstand auseinanderzusetzen.
Selbstständigkeit bedeutet daher nicht, ein Kind möglichst früh allein zurechtkommen zu lassen. Vielmehr geht es darum, ihm dort Eigenständigkeit zu ermöglichen, wo es bereits selbst aktiv sein kann.
Drei wichtige Bereiche der Pikler Pädagogik
Das Emmi Pikler Konzept lässt sich besonders gut anhand von drei Bereichen verstehen. Sie betreffen unterschiedliche Alltagssituationen, hängen jedoch eng miteinander zusammen: die Pflege und Beziehung zum Kind, die freie Bewegung sowie das selbstbestimmte Spiel.
Respektvolle Pflege als Zeit für Beziehung
Ein Baby wird mehrmals täglich gewickelt, angezogen, ausgezogen, gewaschen und gefüttert. Gerade weil sich diese Tätigkeiten häufig wiederholen, erledigen Erwachsene sie schnell nebenbei. Im Pikler-Konzept bekommen solche Situationen eine andere Bedeutung.
Pflege ist nicht lediglich Versorgung. Sie ist eine Zeit des unmittelbaren Kontakts zwischen dem Kind und seiner Bezugsperson.
Du kannst deinem Kind beispielsweise ankündigen, dass du es hochheben möchtest. Beim Wickeln kannst du sagen, dass du nun die Hose ausziehst oder die Windel wechselst. Dabei geht es nicht darum, jeden einzelnen Handgriff ausführlich zu kommentieren. Entscheidend ist vielmehr, dass die Handlung für das Kind möglichst vorhersehbar wird.
Gleichzeitig lohnt es sich, auf seine Reaktionen zu achten. Vielleicht hebt dein Baby beim Anziehen bereits ein Bein. Später versucht dein Kind möglicherweise, selbst mit dem Fuß in die Hose zu gelangen oder einen Arm durch einen Ärmel zu schieben.
Solche kleinen Formen der Beteiligung sind wichtig. Sie vermitteln dem Kind: Ich bin nicht nur Gegenstand der Pflege, sondern kann an dem beteiligt sein, was mit mir geschieht.
Das funktioniert selbstverständlich nicht in jeder Situation gleich gut. Manchmal muss das Wickeln schnell gehen oder ein müdes Kind möchte gerade überhaupt nicht mitarbeiten. Pikler-orientierte Pflege sollte deshalb nicht zu einem weiteren Anspruch werden, den Eltern perfekt erfüllen müssen.
Es geht um eine grundlegende Haltung. Du kannst dein Kind respektvoll behandeln, ohne aus jeder Alltagshandlung ein langes Ritual zu machen.
Die freie Bewegungsentwicklung
Die Bewegungsentwicklung gehört zu den bekanntesten Themen der Pikler Pädagogik. Emmi Pikler beobachtete, dass Kinder verschiedene motorische Fähigkeiten selbstständig entwickeln können, wenn ihnen ausreichend Bewegungsfreiheit zur Verfügung steht.
Für Erwachsene bedeutet das zunächst einmal Zurückhaltung. Ein Baby wird beispielsweise nicht regelmäßig hingesetzt, solange es diese Position nicht selbst erreichen kann. Auch das Gehen soll nicht dadurch beschleunigt werden, dass ein Kind ständig an beiden Händen geführt wird.
Der Grund dafür liegt in den vielen Entwicklungsschritten, die einer neuen Fähigkeit vorausgehen.
Bevor ein Kind frei sitzt, hat es seinen Körper bereits auf unterschiedlichste Weise bewegt. Es dreht sich, stützt sich ab und verlagert sein Gewicht. Bevor es frei läuft, sammelt es Erfahrungen beim Aufrichten, seitlichen Entlanggehen und freien Stehen.
Von außen sehen wir irgendwann das Ergebnis: Das Kind sitzt oder läuft. Für die Entwicklung selbst waren jedoch auch die zahlreichen vorherigen Versuche wichtig.
Der Weg zu einer Bewegung ist Teil des Lernens.
Diese Idee lässt sich später gut auf das Klettern übertragen. Wenn ein Kind ein Kletterdreieck entdeckt, besteht die erste sinnvolle Aufgabe nicht darin, die Spitze zu erreichen. Vielleicht hält es sich zunächst an einer Sprosse fest oder zieht sich daran hoch. Später setzt es einen Fuß auf die unterste Stufe. Irgendwann klettert es weiter.
Jeder dieser Schritte hat seinen eigenen Wert.
Das heißt allerdings nicht, dass du niemals helfen darfst. Gerät dein Kind in eine gefährliche Situation, braucht es selbstverständlich deine Unterstützung. Auch wenn es Angst bekommt oder dich ausdrücklich um Hilfe bittet, solltest du reagieren.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Hilfe und Vorwegnahme. Hilfe unterstützt das Kind dort, wo es sie wirklich benötigt. Vorwegnahme nimmt ihm eine Erfahrung ab, die es vielleicht selbst machen könnte.
Selbstständiges Spiel und eigene Entdeckungen
Auch das Spielen wird im Emmi Pikler Konzept nicht in erster Linie als Tätigkeit betrachtet, die Erwachsene für Kinder organisieren müssen.
Schon Babys können sich intensiv mit ihrer unmittelbaren Umgebung beschäftigen. Ein Kind betrachtet seine Hände, berührt seine Füße oder untersucht einen Gegenstand. Später beginnt es, Dinge ineinanderzulegen, zu stapeln, zu transportieren oder unterschiedliche Materialien miteinander zu kombinieren.
Dabei entstehen ständig neue Fragen: Passt dieser Gegenstand in den Becher? Was geschieht, wenn ich den Ball loslasse? Wie bekomme ich den Ring wieder heraus?
Für ein Kind ist dies keine nebensächliche Beschäftigung. Es lernt Eigenschaften, Zusammenhänge und die Wirkung seiner eigenen Handlungen kennen.
In der Pikler-Pädagogik werden deshalb häufig Spielmaterialien bevorzugt, die verschiedene Nutzungsmöglichkeiten offenlassen. Ein Tuch muss beispielsweise nicht auf eine bestimmte Art verwendet werden. Es kann angefasst, versteckt, gezogen, in einen Korb gesteckt oder später in ein Rollenspiel eingebaut werden.
Ähnliches gilt für Holzringe, Schüsseln, Bälle, Becher oder Körbe. Was ein Kind damit macht, verändert sich mit seinem Alter und seinen aktuellen Interessen.
Deine Aufgabe besteht dabei nicht darin, ihm möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten zu zeigen. Gerade wenn Erwachsene ein Spielzeug erklären, übernehmen Kinder häufig unsere Idee, statt eine eigene zu entwickeln.
Du darfst deshalb durchaus einmal abwarten und beobachten, was dein Kind selbst mit einem Material beginnt.
Beobachten, bevor du eingreifst
Eines der wichtigsten Elemente der Pikler Pädagogik kommt ohne spezielles Spielmaterial aus: aufmerksames Beobachten.
Das klingt einfacher, als es im Alltag ist. Erwachsene erkennen Schwierigkeiten meist sehr schnell und haben oft sofort eine Lösung parat. Das Kind bekommt den Deckel nicht auf? Wir öffnen ihn. Ein Ball rollt unter den Tisch? Wir holen ihn hervor. Ein Fuß findet beim Klettern nicht sofort die nächste Sprosse? Wir zeigen den passenden Tritt.
Manchmal ist genau diese Hilfe sinnvoll. Häufig lohnt es sich jedoch, einige Augenblicke zu warten.
Vielleicht dreht dein Kind den Behälter um und findet dadurch eine andere Möglichkeit, ihn zu öffnen. Vielleicht legt es sich auf den Boden und greift nach dem Ball. Vielleicht setzt es den Fuß zunächst wieder zurück und probiert die Kletterbewegung später erneut.
Damit ein Kind eigene Lösungen entwickeln kann, muss es überhaupt Gelegenheit dazu bekommen.
Dabei hilft eine einfache Frage: Ist mein Kind gerade wirklich überfordert oder ist die Aufgabe lediglich schwierig?
Schwierigkeiten gehören zur Entwicklung. Überforderung dagegen benötigt Unterstützung. Den Unterschied erkennst du leichter, wenn du nicht nur auf das Ergebnis achtest, sondern auf die Reaktion deines Kindes.
Pikler Pädagogik im Familienalltag
Die Grundgedanken des Emmi Pikler Konzepts lassen sich an vielen Stellen in den Alltag integrieren. Dafür musst du weder einen vollständigen Tagesablauf umstellen noch jede Situation nach pädagogischen Kriterien analysieren.
Ein wichtiger Punkt ist die Vorhersehbarkeit. Kleine Kinder können viele Situationen besser einordnen, wenn sie wissen, was ungefähr passiert. Wiederkehrende Abläufe beim Schlafengehen, Wickeln oder Essen können Orientierung geben.
Auch kurze Ankündigungen helfen. Statt dein Kind überraschend aus seinem Spiel hochzuheben, kannst du ihm sagen, dass ihr gleich die Windel wechseln werdet. Ein älteres Kleinkind kann möglicherweise noch einen Gegenstand ablegen oder sein Spiel kurz abschließen.
Ein weiterer Grundgedanke betrifft die Zeit. Erwachsene leben häufig nach Terminen und Uhrzeiten. Kleinkinder beschäftigen sich dagegen mit dem Moment. Wenn dein Kind gerade versucht, drei Holzringe übereinanderzulegen, kann diese Aufgabe für es deutlich wichtiger sein als der nächste Programmpunkt.
Natürlich lässt sich der Familienalltag nicht vollständig nach dem Spielrhythmus eines Kindes richten. Aber dort, wo es möglich ist, kann etwas zusätzliche Zeit viele unnötige Konflikte verhindern.
Auch klare Grenzen passen zur Pikler-Pädagogik. Eigenständigkeit bedeutet nicht, dass dein Kind jede Entscheidung selbst treffen muss. Kleine Kinder können Gefahren noch nicht zuverlässig einschätzen. Erwachsene bleiben deshalb verantwortlich für den Rahmen.
Wenn dein Kind beispielsweise auf eine instabile Kommode klettern möchte, musst du nicht abwarten, bis es selbst erkennt, dass dies gefährlich ist. Du darfst die Handlung verhindern und gleichzeitig anerkennen, dass das Klettern gerade interessant ist.
Ein sicherer Kletterbereich kann anschließend eine passende Alternative bieten.
Das Pikler-Dreieck als Bewegungsmöglichkeit
Das Pikler-Dreieck oder Kletterdreieck ist vermutlich das bekannteste Bewegungsgerät, das heute mit Emmi Pikler in Verbindung gebracht wird. Seine Form wirkt zunächst ausgesprochen schlicht: Zwei Sprossenseiten bilden ein Dreieck, an dem Kinder sich festhalten und hinaufklettern können.
Gerade diese Einfachheit bietet jedoch unterschiedliche Bewegungsmöglichkeiten.
Ein Kind, das sich gerade erst aufrichtet, kann sich an unteren Sprossen festhalten. Später beginnt es vielleicht, einen Fuß aufzusetzen. Mit zunehmender Sicherheit klettert es höher, überwindet die obere Stelle und steigt auf der anderen Seite wieder hinunter.
Für Erwachsene ist häufig die Spitze des Dreiecks der auffälligste Punkt. Für das Kind können dagegen schon die ersten zwanzig Zentimeter eine anspruchsvolle Aufgabe sein.
Deshalb sollte das Ziel nicht lauten: Wie bekomme ich mein Kind dazu, das ganze Kletterdreieck zu bewältigen? Sinnvoller ist die Frage, welche Herausforderung es sich gerade selbst sucht.
Der Entwicklungsstand lässt sich dabei nicht allein am Alter festmachen. Manche Kinder beginnen früh mit ausgeprägtem Kletterinteresse, andere beschäftigen sich zunächst lieber am Boden. Beides ist in Ordnung.
Was Kinder am Kletterdreieck ausprobieren können
Beim selbstständigen Klettern muss ein Kind viele Bewegungen miteinander koordinieren. Hände und Füße benötigen sichere Positionen. Gleichzeitig wird das Körpergewicht verlagert und das Gleichgewicht ständig angepasst.
Besonders interessant wird der Moment, in dem ein Kind selbst entscheiden muss, ob es weiterklettert oder zurückgeht. Damit lernt es nicht nur eine Bewegungsabfolge kennen, sondern sammelt Erfahrungen mit den eigenen Möglichkeiten.
Ein Kletterdreieck kann später noch auf andere Weise genutzt werden. Wird eine Decke darübergelegt, entsteht möglicherweise ein Versteck. Zusammen mit einem geeigneten Brett oder einer Rampe ergeben sich weitere Spiel- und Bewegungsvarianten.
Das Gerät muss daher nicht ständig neu bespielt oder von Erwachsenen umfunktioniert werden. Kinder entdecken häufig selbst Möglichkeiten, die wir gar nicht vorgesehen haben.
Kletterbogen, Rampen und andere Bewegungsmaterialien
Neben dem Kletterdreieck sind inzwischen zahlreiche weitere Klettermöbel verbreitet, die sich an ähnlichen Gedanken orientieren.
Kletterbogen
Der Kletterbogen unterscheidet sich durch seine geschwungene Form deutlich vom Dreieck. Beim Hinaufklettern verändert sich die Körperposition entlang der Rundung. Das Kind muss immer wieder neu einschätzen, wo es Hände und Füße platzieren kann.
Einige Modelle lassen sich umdrehen und als Wippe verwenden. Je nach Konstruktion können sie mit einer passenden Auflage zusätzlich als Rückzugs- oder Ruheplatz genutzt werden.
Wichtig ist hierbei, genau auf die vorgesehene Nutzung des jeweiligen Modells zu achten. Bei einem beweglichen Kletterbogen entstehen andere Anforderungen an die Sicherheit als bei einem fest aufgestellten Dreieck.
Rutschbrett und Kletterrampe
Eine häufige Ergänzung zum Kletterdreieck ist ein Brett, das je nach Ausführung als Rampe, Rutsche oder Kletterfläche verwendet werden kann.
Eine schräge Fläche stellt andere Anforderungen an das Kind als einzelne Sprossen. Beim Hinauflaufen oder -krabbeln muss es Halt finden und sein Gewicht an die Neigung anpassen. Beim Herunterrutschen entstehen wiederum andere Erfahrungen mit Geschwindigkeit und Körperhaltung.
Auch Gegenstände können Teil des Spiels werden. Ein Ball rollt eine schräge Ebene anders hinunter als ein Holzring oder ein kleiner Wagen. So kann aus einem Bewegungsgerät später gleichzeitig ein Element des freien Spiels werden.
Weitere Spiel- und Klettermöglichkeiten nach Pikler
Auch niedrige Podeste, Krabbelkisten, kleine Stufen und Kombinationen verschiedener Ebenen können Kindern interessante Bewegungsaufgaben bieten.
Dabei ist größer nicht automatisch besser. Für ein Kind, das gerade beginnt, Höhenunterschiede zu erkunden, kann bereits ein niedriges Podest spannend sein. Es muss herausfinden, wie es hinaufkommt und wie der Weg zurück auf den Boden funktioniert.
Genau solche überschaubaren Aufgaben passen gut zum Grundgedanken der freien Bewegungsentwicklung nach Emmi Pikler.
Welche Spielmaterialien passen zur Pikler Pädagogik?
Wer nach Pikler Spielzeug sucht, stößt schnell auf zahlreiche speziell bezeichnete Produkte. Für selbstständiges Spiel braucht ein Kind jedoch nicht zwangsläufig besonderes Pädagogik-Spielzeug.
Interessant sind vor allem Gegenstände, die verschiedene Handlungen zulassen.
Dazu können beispielsweise Holzringe, große Becher, Schüsseln, Körbe, Tücher, Bälle oder einfache Steck- und Sortiergegenstände gehören. Welches Material sinnvoll ist, hängt vom Alter und Entwicklungsstand des Kindes ab.
Bei Babys muss insbesondere darauf geachtet werden, dass Gegenstände ausreichend groß sind, keine verschluckbaren Teile besitzen und sicher verarbeitet sind.
Eine große Menge gleichzeitig angebotenen Spielzeugs ist nicht unbedingt hilfreich. Wenn sehr viele Gegenstände zur Auswahl stehen, wechselt ein Kind möglicherweise häufiger zwischen ihnen, ohne sich länger mit einer Sache zu beschäftigen.
Eine kleinere Auswahl kann dagegen zum genaueren Erkunden anregen. Materialien können später ausgetauscht werden, wenn das Interesse nachlässt oder neue Fähigkeiten hinzukommen.
Beobachte deshalb nicht nur, womit dein Kind spielt, sondern auch was es gerade damit versucht. Ein Kind, das ständig Dinge von einem Behälter in einen anderen transportiert, beschäftigt sich mit einer anderen Fragestellung als ein Kind, das Gegenstände übereinanderstapelt.
Diese Beobachtung kann dir mehr darüber verraten, welches Material momentan interessant sein könnte, als eine starre Altersempfehlung.
Wie Erwachsene beim freien Spiel begleiten können
Freies Spiel heißt nicht, dass du dein Kind ignorieren sollst. Du bleibst erreichbar und aufmerksam. Trotzdem musst du nicht jeden Spielverlauf kommentieren oder ständig neue Ideen anbieten.
Versuche gelegentlich, einfach zu beobachten.
Wenn dein Kind einen Turm baut und dieser umfällt, musst du nicht sofort erklären, wie es stabiler funktioniert. Vielleicht probiert es selbst eine andere Reihenfolge aus. Wenn es einen Ring nicht in einen Behälter bekommt, kann es diesen drehen oder einen anderen Gegenstand wählen.
Natürlich darfst du gemeinsam mit deinem Kind spielen. Die Pikler Pädagogik spricht keineswegs gegen gemeinsame Freude oder Interaktion. Wichtig ist vielmehr, dass das Kind zusätzlich ausreichend Raum für selbst initiierte Tätigkeiten bekommt.
Es muss nicht ständig beschäftigt werden.
Auch Langeweile darf für einen kurzen Moment entstehen. Sie kann der Ausgangspunkt dafür sein, dass ein Kind selbst nach einer neuen Tätigkeit sucht.
Welche Rolle spielen Lob und Ermutigung?
Wenn dein Kind zum ersten Mal über ein Kletterdreieck steigt oder eine schwierige Aufgabe löst, freust du dich wahrscheinlich mit ihm. Daran ist nichts problematisch.
Interessant wird allerdings die Frage, wie häufig Erwachsene kindliche Handlungen bewerten. Ein ständiges „Toll!“, „Super!“ oder „Sehr gut!“ kann dazu führen, dass die Reaktion des Erwachsenen zunehmend wichtiger wird als die eigene Erfahrung.
Eine Alternative besteht darin, zunächst zu beschreiben, was du beobachtet hast: „Du bist selbst über die obere Sprosse geklettert.“ Oder: „Diesmal hast du den Fuß auf die andere Seite bekommen.“
Damit bekommt das Kind eine Rückmeldung, ohne dass jede Handlung sofort in gut oder schlecht eingeteilt wird.
Das bedeutet nicht, dass Lob verboten wäre. Ein natürlicher Familienalltag braucht keine sprachlichen Regeln, die ständig kontrolliert werden müssen. Die Grundidee lautet vielmehr, die eigene Freude und Zufriedenheit des Kindes nicht durch permanente Bewertung zu ersetzen.
Sicherheit und Freiheit richtig miteinander verbinden
Freie Bewegung funktioniert nur innerhalb einer Umgebung, für deren Sicherheit Erwachsene Verantwortung übernehmen.
Bei Klettergeräten solltest du deshalb unter anderem auf einen stabilen Stand, belastbare Verbindungen und eine sorgfältige Verarbeitung achten. Bewegliche oder klappbare Konstruktionen müssen zuverlässig gesichert sein. Auch der Platz rund um das Gerät spielt eine Rolle.
Ein Kletterdreieck direkt neben einem harten Möbelstück schafft beispielsweise ein unnötiges zusätzliches Risiko. Der Bereich sollte so gestaltet sein, dass dein Kind sich auf die Bewegung konzentrieren kann.
Gleichzeitig kann kein sinnvoller Bewegungsraum sämtliche kleinen Stürze ausschließen. Wer laufen, steigen und klettern lernt, verliert gelegentlich das Gleichgewicht. Die Aufgabe besteht daher nicht darin, jedes mögliche Missgeschick zu verhindern, sondern nicht einschätzbare und unnötig schwere Gefahren zu reduzieren.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein Kind darf erleben, dass eine Bewegung schwierig ist. Es soll jedoch nicht Risiken ausgesetzt werden, deren Folgen es selbst noch nicht verstehen kann.
Kritik am Emmi Pikler Konzept
Die Pikler Pädagogik enthält viele Gedanken, die im Alltag hilfreich sein können. Trotzdem sollte sie nicht wie ein starres pädagogisches Regelwerk behandelt werden.
Ein häufiger Fehler besteht darin, einzelne Ideen zu sehr zu vereinfachen. Aus „freie Bewegungsentwicklung“ wird dann beispielsweise „Man darf einem Kind bei Bewegungen niemals helfen“. Das entspricht keiner sinnvollen Begleitung.
Kinder sind unterschiedlich. Manche entwickeln bestimmte motorische Fähigkeiten früher, andere später. Einige Kinder benötigen aufgrund körperlicher Besonderheiten, einer Erkrankung oder Entwicklungsverzögerung gezielte Unterstützung.
In solchen Fällen sollte eine pädagogische Haltung notwendige medizinische, physiotherapeutische oder andere fachliche Begleitung selbstverständlich nicht ersetzen.
Auch der Gedanke des selbstständigen Spiels kann missverstanden werden. Ein Kind muss sich nicht stundenlang alleine beschäftigen können, damit die Pikler Pädagogik funktioniert. Kleine Kinder brauchen soziale Interaktion, Nähe und gemeinsame Erfahrungen.
Kritisch betrachtet werden sollte außerdem die heutige Vermarktung des Begriffs „Pikler“. Zahlreiche Spielzeuge und Klettergeräte tragen diese Bezeichnung, obwohl der Zusammenhang mit Emmi Piklers ursprünglicher Arbeit unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann.
Ein Produkt wird nicht allein dadurch pädagogisch wertvoll, dass es aus Holz besteht oder als „Pikler Spielzeug“ angeboten wird.
Ähnliches gilt für die häufige Verbindung von Montessori und Pikler. Beide Ansätze beschäftigen sich mit der Eigenaktivität von Kindern, sind jedoch historisch und pädagogisch nicht identisch. Ein sogenanntes Montessori-Kletterdreieck ist daher nicht automatisch ein klassisches Element der Montessori-Pädagogik.
Schließlich sollte das Pikler-Konzept auch nicht zum Perfektionsanspruch werden. Eltern dürfen helfen, gemeinsam spielen, loben und pragmatische Entscheidungen treffen. Kein Kind braucht einen Alltag, in dem Erwachsene ständig darüber nachdenken, ob ihre nächste Bewegung hundertprozentig einer pädagogischen Theorie entspricht.
Was vom Pikler-Konzept im Alltag besonders hilfreich sein kann
Vielleicht liegt die größte Stärke der Pikler Pädagogik weniger in einzelnen Regeln als in einem Perspektivwechsel.
Statt dich zuerst zu fragen, was du deinem Kind als Nächstes beibringen kannst, kannst du beobachten, womit es sich bereits beschäftigt.
Statt eine schwierige Bewegung sofort zu erleichtern, kannst du ihm einige Sekunden mehr Zeit geben.
Statt jede freie Minute mit einer Beschäftigungsidee zu füllen, kannst du schauen, welches Spiel aus eigener Initiative entsteht.
Und statt Selbstständigkeit mit möglichst wenig Unterstützung gleichzusetzen, kannst du deinem Kind einen sicheren Rahmen bieten, in dem es selbst tätig werden darf.
Genau darin verbinden sich zwei wichtige Seiten des Emmi Pikler Konzepts: Das Kind soll sich auf seine Bezugsperson verlassen können und zugleich erleben, was es bereits aus eigener Kraft bewirken kann.
